Es tut mir Leid, dass ich aktuell nichts schreibe.
Mir fehlt die Zeit und die Kraft dazu.
Die Zeit, weil ich jede Sekunde durchplane, am liebsten mit arbeiten.
Denn somit habe ich auch keine Zeit die Gedanken in meinem Kopf zu laut werden zu lassen.
Die Kraft, weil ich das bisschen freie Zeit, was zwischendurch oder am Abend bleibt, meistens mit Hungern oder Ess-Brech-Gelagen fülle.
Die Kombination aus Dauerstress und Essstörung zieht so unheimlich viel Energie, dass ich manchmal sogar überlege das Kalorienzählen und Dauerkontrollieren etwas zu reduzieren.
Und manchmal, wenn auch selten, klappt es.
Obwohl die Essstörung aktuell so präsent ist wie schon lange nicht mehr, gibt es Lichtblicke.
Manchmal esse ich mit einer Freundin im Restaurant und bestelle einfach irgendetwas, worauf ich Lust habe.
Manchmal kaufe ich mir Lebensmittel, die eigentlich jahrelang verboten waren. Und ich esse sie, ohne in einen Essanfall zu rutschen.
Gestern habe ich morgens vergessen mich zu wiegen.
Die kleinen Erfolge sind es, die uns über Wasser halten.
Vorhin wollte ich in den Supermarkt fahren und die übliche Ben&Jerrys-Binge-Ration kaufen. Doch dann fand ich es spontan doch besser meinen Körper ausnahmsweise mal gut zu behandeln. Also habe ich Eis gegessen, ohne den ganzen Becher zu leeren. Und es ist okay, dass ich somit ein paar Kalorien über meiner selbstauferlegten Kaloriengrenze liege. Es ist in jedem Fall besser als herzstolpernd auf dem Badezimmerboden zu liegen.
Es fühlt sich okay an. Zumindest für heute.
Ich bin nicht mehr so naiv zu glauben, dass ich von jetzt an immer so handeln kann wie heute.
Aber vielleicht immer mal wieder.
Meine ehemals wichtigste Bezugsperson mein Ersatzdad schreibt mir, dass er so oft an mich denkt und hofft, dass es mir gut geht.
Und auf Knopfdruck ist alles wieder da, die Enttäuschung, die Wut, die Traurigkeit und die Leere, die übrig geblieben ist.
Ich könnte tagelang durchweinen, aber das hat schon damals nicht geholfen.
Es ist wie immer, wenn er mir schreibt. Ich falle und falle. Zurück in Arme, die mich nie gehalten haben.
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Ich liege nachts wach und lese die Esstagebücher von 2012. Damals habe ich so wenig gegessen. Und 10kg weniger gewogen als jetzt. Ich weine, um die Zeit, die ich verloren habe. Und ich weine noch mehr, weil ich noch immer Zeit damit verliere, wieder so dünn sein zu wollen.
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Nächste Woche geht die Uni weiter. Mir ist zurzeit alles so egal. Zurzeit dauert nur schon relativ lang. Ich habe Angst das alles nicht zu schaffen. Ich will gar nicht studieren, weiß aber auch nicht was ich sonst will.
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Ich sitze im halbdunkeln bei meiner Therapeutin, es regnet in Strömen und ich kann nicht aufhören zu weinen. Kann nicht reden, weil ich gerade irgendwo im Gefühlsstrudel untergehe und Tränenmeerwellen meine Stimmbänder übertönen.
Wahrscheinlich sehe ich so elend aus, dass sie Mitleid hat und mich nicht so nachhause schicken möchte.
Wir gehen essen, ein griechisches Restaurant, sehr angstbesetzt bei mir. Aber es ist okay. Es ist ein schönes Gefühl nicht egal zu sein. Und es ist nett, dass sie sich zum Feiertag die Zeit nimmt sich mein Rumgeheule reinzuziehen.
Jetzt weine ich schon wieder, einfach so, die Auslöser verschwimmen zwischen all den Tropfen. Aber weinen ist besser als Vollstopfen und Erbrechen.
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Ja, das ist nicht der angekündigte Positiv-Post, wie unschwer zu erkennen ist - er kommt noch ;-)